JACQUES
CAUMONT
Erklärst du mir dein Museum?
HERBERT
DISTEL
Die Idee stammt von Marcel Duchamp. Er
ist der Vater dieses Museums mit seinem Koffer, der
eine
Urinflasche, ein grosses Glas, ein Velorad enthielt, der
Vater
der Idee eines «Koffermuseums» gewissermassen.
Man
müsste weiss ich wie viele Museen auf der Welt
besuchen,
um so viele Informationen zu finden, wie mein Museum
sie
enthalten wird. Hier findet man alles an einem
einzigen
Ort, in einem Kasten, der ein richtiges Museum ist.
Schon
wegen seiner Ausmasse: Höhe 1,90 m, Breite 50 cm,
Tiefe
50cm. Es ist das kleinste Museum der Welt und
zugleich
das Modell eines New Yorker Wolkenkratzers im
Massstab
1:100. Aber in Bezug auf sein Fassungsvermögen –
20
Schubladen mit je 25 Fächern – ist es das grösste: ein
Mu-
seum mit 500 Sälen, winzigen Sälen natürlich: 4,3 cm
hoch,
5,7 cm breit, 4,8 cm tief. Jeder einzelne der 500
Künstler,
die ich ausgewählt habe – von Picasso bis zu den
Vertretern
der neuesten Tendenzen in Amerika und Europa –,
kann
ein Werk nach seinem Belieben in den Raum, der ihm
zur
Verfügung steht, stellen, ohne Begrenzung und
technische
JACQUES
CAUMONT
Du hast also eine ganze technische
HERBERT
DISTEL
Nur ein Beispiel. Ich habe in Paris einen
israelischen Künstler namens Gérard Marx angefragt,
der
etwas mit Tönen machen will – und das ist überhaupt
kein
Problem: die ganzen Geräte sind in
Miniaturausgabe
vorhanden, man braucht die Batterie und das
Tonbandgerät
bloss im hohlen Teil des Museums unter den
Schubladen
JACQUES
CAUMONT
HERBERT
DISTEL
Ich bin in einen Briefwechsel mit den
Künstlern getreten, um das Museum aufzubauen... aber
ich
muss auch zahlreiche Reisen unternehmen zu den
grossen
Kunstzentren: New York, London, Düsseldorf,
Paris.
Wenn ich die Künstler besuche, um ihnen die Idee
dieses
Museums auszubreiten und sie um ihre Mitarbeit zu
bitten,
nehme ich eine Schatulle des Kastenmuseums mit; ich
trage
sie in einem Koffer mit, genau wie Duchamp sein
Privat-
JACQUES
CAUMONT
Was gibts denn in deinem «Muster-
HERBERT
DISTEL
Da ist die erste Schublade des Museums,
da sind 25 Originalwerke, die eigens für das
Museum
geschaffen wurden – sie sind von Vasarely, Spörri,
Beuys...
JACQUES
CAUMONT
Was hat Beuys zum Beispiel gemacht?
HERBERT
DISTEL
Er hat den Nagel seiner grossen Zehe drei
Monate lang wachsen lassen, dann hat er ihn
abgeschnitten
und mir geschickt, das Stück ist im dritten Abteil
rechts
aussen in dieser Schublade zu sehen. Das ist wirklich
der
Inbegriff eines Werks, das nicht nur ein Modell ist,
sondern
eigens für das Museum bestimmt wurde. Beuys hat
übrigens in seinem Begleitbrief geschrieben, wichtig
sei,
was er während jener drei Monate, in denen er den
Nagel
eigens für den ihm zugewiesenen Raum wachsen
liess,
JACQUES
CAUMONT
Wenn ich richtig verstanden habe, dür-
fen nur lebende Künstler in deinem Museum vertreten
sein?
HERBERT
DISTEL
Theoretisch schon; wenn mir jemand einen
kleinen Paul Klee anböte, nähme ich ihn nicht an, aber
ich
würde
doch vier Ausnahmen machen
bei Künstlern,
deren
Werk völlig im Sinne meines Unternehmens
ge-schaffen
wurde, und zwar: Duchamp, Fontana, Klein und
Manzoni.
Von Yves Klein habe ich z.B. schon das
Werk,
das ins Museum kommt: es ist eine blaue Marke, ein
Werk
in Kleinformat, eigentlich eine «Briefmarke», aber
im
Museum ist es keine Briefmarke mehr, sondern ein
richti-
ges, einfarbiges Gemälde von Yves Klein.
JACQUES
CAUMONT
Wie gestalten sich deine Beziehungen
HERBERT
DISTEL
Ich hoffe, die 500 Künstler, die ich um
einen Beitrag zur permanenten Sammlung meines
Museums
gebeten habe, persönlich kennen zu lernen. Ich
möchte
gerne sehen, wie sie leben, und wissen, was sie
denken.
Zum Beispiel habe ich in Paris eine Bekanntschaft
gemacht,
die mich sehr beeindruckt hat: Ich habe einen
Künstler
getroffen, der eigentlich ein Kunsthandwerker im
mittel-
alterlichen Stil ist. Sein Werk ist praktisch
unbekannt,
er heisst Habbah und stammt aus dem Irak. Vor etwa
zehn
Jahren hat er ein paar hundert Figuren geschaffen, so
gross
wie Reiskörner; er hat sie mit der Lupe gefertigt,
und
man braucht auch eine Lupe, um sie zu betrachten. Es
war
für mich ein grosser Augenblick, als er drei oder
vier
Skulpturen in einem meiner Museumssäle stellte. Mit
einem
Schlag wurde der Saal zum grössten des ganzen
Museums,
ich dachte gleich an einen Saal mit
Giacometti-Skulpturen,
und ich stellte mir vor, ich sei winzig klein und gehe
um
die mehrere Meter hohen Statuen herum. Das ist ja
gerade
das Merkwürdige an diesem Museum: Du kannst
dir
vorstellen, manche Werke seien riesengross – der
Sam
Francis etwa, im ersten Abteil links. Natürlich muss
man
seine Fantasie walten lassen, man muss träumen
können.
JACQUES
CAUMONT
Wann hast du mit dieser Arbeit
HERBERT
DISTEL
Es ist nun schon ein Jahr her, dass ich
damit angefangen habe, und ich sagte mir damals, es
würde
drei Jahre dauern. Heute scheint mir, dass ich
richtig
geschätzt habe. In ein paar Monaten ist mein Museum
zu
einem Drittel gefüllt, und dann wird es mit seinen
150
Werken an der nächsten documenta
in Kassel
ausgestellt.
Danach kommt es wieder in meine Werkstatt, damit ich
die
350 übrigen Werke einbauen kann, ehe es auf eine
Weltreise
durch die Museen geschickt wird.
JACQUES
CAUMONT
Was würdest du dem Besucher deines
Museums raten?
HERBERT
DISTEL
Zuerst muss ich erwähnen, dass wir ein
Buch mit Reproduktionen sämtlicher 500 im
Museum
ausgestellter Werke herausgeben, wobei jedes Werk
in
seinem Rahmen – also in dem Saal, in dem es
ausgestellt
ist – photographiert wird. Sämtliche Werke werden farbig
in
derselben Grösse abgebildet, weil man ja
unmöglich
behaupten kann, ein bestimmtes Werk sei wichtiger als
ein
anderes, und was sehr wichtig ist: Sie werden alle
aus
demselben Blickwinkel aufgenommen.
JACQUES
CAUMONT
Man braucht also einen Katalog, wenn
man dein Museum besichtigen will?
HERBERT
DISTEL
Der Betrachter hat zwei Möglichkeiten:
entweder er besichtigt mein Museum ohne Katalog, so,
wie
man auch im Louvre stundenlang umhergehen kann
und
dabei auf Werke stösst, vor denen man stehen bleibt.
In
diesem Fall zieht der Besucher eben die Schubladen auf
und
stösst sie wieder zu, und plötzlich fällt der Blick auf
ein
Werk, das ihn interessiert, und er findet im Saal selbst
die
wichtigsten Angaben: den Namen des Künstlers, den
Titel
des Werkes, das Jahr seiner Entstehung; dann kann
er
seinen Spaziergang mit seinen Augen fortsetzen. Oder
er
besichtigt das Museum, nachdem er das Buch
gelesen
hat, und sucht, was er
im Buch gesehen hat,
genau wie
wenn
du den Louvre besuchst, nachdem du ein Buch gekauft
hast
mit einem Verzeichnis aller im Louvre ausgestellten
Werke.
Jacques Caumont unterhielt sich mit Herbert Distel. In:
Tages-Anzeiger, 10. Dezember
1971, S. 61.
DAS SCHUBLADENMUSEUM, 1970–1977
Zwei Schubladen auf Sockel, diverse
Materialien
186,5 X 3 7,5 X 38,5
cm